Religiös begründeter Extremismus – Woran erkennt man eine Radikalisierung?

In einer knapp zwei-stündigen Präsentation referierte Islamwissenschaftler Elhakam Sukhni am 09. November 2017 im RomaNEum in Neuss über die Radikalisierungsprozesse junger Menschen in Deutschland und den Zusammenhängen zwischen religiös begründetem Extremismus, internationaler Konflikte und der Rolle des sogenannten Salafismus in Deutschland.

Dabei beschreibt der Referent die Unterschiede und inneren Konflikte zwischen der puristisch-unpoltischen bis hin zur staatsfeindlichen und gewaltbereiten Salafiya und verdeutlicht die Kerngedanken der extremistischen Ideologie. So habe sich ein Großteil der deutschen Syrien-Kämpfer im Umfeld des politischen Salafismus aufgehalten, bevor sie als „Foreign Fighters“ ausgereist waren. Auffällig, so Sukhni, sei die Feststellung, dass sowohl die Konvertiten, als auch die sogenannten „geborenen Muslime“ unter den Extremisten erst im Jugendalter und meist autodidaktisch zum Islam gefunden haben, also aus keinen religiösen Elternhäusern kommen und keine traditionell Moscheesozialisierung hinter sich haben. Die Eltern seien so oftmals die ersten, gegen die sich die frisch radikalisierten Jugendlichen auflehnen, mit dem Vorwurf, sie seien keine wahren Muslime. Auch die einfachen türkischen oder arabischen Moscheegemeinden werden zum Feindbild, mit dem Vorwurf, keinen „richtigen, reinen Islam“ zu praktizieren. Bei den meisten dieser radikalisierten Jugendlichen handelt es sich um in Deutschland geborene und sozialisierte Menschen.

Für die gesamte europäische dschihadistische Szene lasse sich feststellen, dass die gewaltbereiten Extremisten oft eine bereits kriminelle Vergangenheit aufweisen und auch bereits im Gefängnis gewesen sind, wo bei einigen die Radikalisierung sogar erst begonnen habe. Dabei betont Sukhni jedoch, dass der Radikalisierung ein langer Prozess der Entfremdung vorausgehe. Besonders entscheidend sei die Entfremdung von der eigenen Familie, die durch unterschiedliche Gründe, wie das Fehlen bespielsweise von Anerkennung, Zuneigung und Aufwertung, aber auch Krisen entstehen kann. Diese fehlenden Bedürfnisse werden dann eben in möglicherweise radikalen Gruppen ersetzt, was man auch aus anderen Milieus, wie dem Rechtsextremismus bereits kenne, so Sukhni. Ebenfalls entscheidend sei die Entfremdung von der Gesellschaft, als ein Resultat von Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen, die zu einem Bruch mit allen „anderen“ führen, mit denen man sich nicht mehr identifizieren könne und so zu einem Teil des Feindbildes werden. Diese Ausgrenzungserfahrungen können bereits im Grundschulalter beginnen, wo auch nicht selten Lehrer_innen selbst (auch unbewusst) mit Ressentiments und Vorurteilen zu einem Gefühl des „anders-sein“ beitragen.

Prävention müsse daher besonders durch Stabilisierung der Familienverhältnisse stattfinden, aber eben auch an Schulen, wo Ausgrenzungserfahrungen vermieden und der soziale Zusammenhalt gestärkt werden muss.Was die Flüchtlinge betrifft, so müssten, Sukhnis Meinung nach, Perspektiven für sie geschaffen werden. Viele der Flüchtlinge seien am Anfang ihrer Ankunft sehr motiviert und engagiert gewesen. Durch die langen bürokratischen Prozesse und die damit verbundenen Hindernisse allerdings, wandle sich diese Motivation in Frustration. Diese Beobachtung stelle eine Gefahr dar,  die ernster betrachtet werden müsse.